Blockchain und Bitcoin: „Unser Begriff von E-Commerce könnte sich komplett wandeln“

von Donnerstag, den 04. Mai 2017

Stellen Sie sich vor, es gäbe eine Erfindung, die Banken und Großkonzerne entmachtet, Korruption und Armut weltweit effektiv bekämpft und dafür sorgt, dass Musiker und Autoren fairer bezahlt werden. Kein Witz, all dies und noch viel mehr soll die Blockchain-Technologie ermöglichen. Einige Vordenker proklamieren gar eine Blockchain-Revolution, viele Experten sprechen zumindest von der nächsten Evolutionsstufe des Internets.

Der Leipziger Journalist und Autor Friedemann Brenneis schreibt seit 2014 in seinem Blog „The Coinspondent“ über die Blockchain-Technologie und die Digitalwährung Bitcoin, die das bekannteste Anwendungsbeispiel der Blockchain ist. Im Modulkurs E-Business des Studiengangs Crossmedia Management doziert er an der Leipzig School of Media (LSoM) im Mai erstmals zu diesem Thema.

Im Interview erklärt Brenneis, wie Blockchains funktionieren, wie sie unser aller Leben verändern könnten und warum sich auch Online-Händler oder Medienschaffende mit der Technologie befassen sollten.

Frage: Herr Brenneis, was genau ist die Blockchain-Technologie?
Friedemann Brenneis: Das ist in der Tat nicht ganz einfach zu erklären. Man kann am Anfang beginnen und sagen, dass die Technologie mit der Entwicklung der digitalen Währung Bitcoin entstanden ist. Die Blockchain ist das zugrundeliegende System, das es ermöglicht, dieses digitale Geld im Internet zu verwalten und zu versenden. Daran ist keine Bank, kein Staat oder irgendein Mittelsmann beteiligt. Manche nennen es das digitale Kassenbuch. In diesem Kassenbuch beziehungsweise auf dieser Datenbank werden alle Bitcoin-Transaktionen dezentral und für alle transparent abgespeichert. Das sind zugleich die großen Stärken der Technik.

Wieso ist die Entwicklung dieser Technik so bedeutsam?
Bisher haben wir ein Internet der Information. Wir können alles beliebig oft teilen, Tweets zum Beispiel oder Bilder. Die Blockchain ermöglicht es nun erstmals, einmalige Daten im Netzwerk zu verbreiten. Diese Daten können aufgrund ihrer Einmaligkeit einen Wert bekommen, wie eben ein Bitcoin einen Wert hat. Theoretisch ist das auch mit anderen einmaligen Werten möglich, zum Beispiel mit Identitäten, Grundbucheinträgen oder Aktien. Wir kommen also zu einem Internet der Werte.

Und diese Entwicklung vollzieht sich augenblicklich?
Wir stehen am Anfang. Momentan versuchen ganze Branchen herauszufinden, was mit der Technik möglich ist. Generell ist man sich einig, dass die Technologie viele Dinge vereinfachen und effektiver machen kann. In der Logistik sind Blockchains zum Beispiel ein riesiges Thema, wenn es um den Versand von Containern geht. Da ist heute noch immer sehr viel Planung und viel Schriftverkehr nötig; dieser könnte in Zukunft zu großen Teilen entfallen. Das Internet der Dinge ist ebenfalls ein Anwendungsbereich. Wenn Maschinen in Zukunft miteinander kommunizieren, dann sollten sie idealerweise auch Geld oder andere Werte austauschen können.

Das klingt alles ziemlich fantastisch. Können Sie am Beispiel des Bitcoins noch einmal genauer erklären, wie der digitale Transfer eines Wertes funktioniert?
Grundsätzlich braucht man beim Transferieren von Werten eine zentrale Institution, die diese Transaktionen verifiziert. Beim Geld sind es etwa die Banken, die garantieren, dass ein Euro nicht doppelt ausgegeben wird. Bei Grundbucheinträgen ist es der Staat, der die Informationen zentral erfasst. Beim Bitcoin ist alles dezentralisiert. Das digitale Kassenbuch wird auf tausenden Rechnern weltweit zugleich abgespeichert. Alle zehn Minuten kommt ein Eintrag hinzu. Dieses Netzwerk ist so stark, weil es keinen einzelnen Punkt gibt, wo man es angreifen kann. Es gibt kein Administratorpasswort, mit dem ich die Einträge verändern kann. Es gibt keinen Server-Park, wo alles weg ist, wenn der abbrennt.

Einen Konsens über die Informationen finden die Rechner in dem Netzwerk über den Algorithmus, der festgelegt und nur mit enormem Aufwand veränderbar ist. Das ist auf technischer Ebene wirklich eine Evolution. Das war so bislang nicht möglich. Auf der Dollarnote steht „In God we trust“. Beim Bitcoin und der Blockchain basiert das Vertrauen auf  moderner Kryptographie, Mathematik und dem Gesetz der großen Zahl.

Lösen wir uns von der technischen Ebene und sprechen noch einmal über mögliche Anwendungsfelder. Sie dozieren zu diesem Thema in Kürze an der LSoM in einem Kurs über E-Business. Warum ist die Blockchain-Technologie für all diejenigen interessant, die auf digitale Geschäftsmodelle setzen?
Da gibt es viele verschiedene interessante Aspekte. Bitcoin und die Blockchain könnten bald etwa effiziente Mikrotransaktionen ermöglichen, also das Transferieren von Centbeträgen ohne allzu hohe Kosten. Dadurch würden sich ganz neue Möglichkeiten ergeben, wie wir mit dem Internet interagieren. Nehmen wir als Beispiel die Verbreitung von kostenpflichtigen Medieninhalten im Netz. Ein Problem ist hier, dass Leser nicht bereit sind, 99 Cent für einen Artikel zu bezahlen, wenn sie eine ganze Zeitung für zwei Euro bekommen können.

Andererseits verstehe ich aber auch, dass es die Anbieter zurzeit nicht günstiger ermöglichen können. Sie haben enorme Kosten, weil zur Abrechnung letztlich immer zusätzlich ein Zahlungsdienstleister nötig ist. Das lässt sich momentan nicht lösen, selbst solche Angebote wie Blendle oder Laterpay sind letztlich nur Krücken.

In Zukunft wird es möglich sein, das Lesen eines Online-Artikels automatisiert abzurechnen, und zwar zeilengenau auf den Cent. Der Server und der Browser kommunizieren miteinander und es wird gemessen, wie weit Nutzer herunterscrollen. Und das ist nur der erste Schritt. Weiter ist denkbar, dass der Leser sein Guthaben wieder auffüllt, indem er sich freiwillig Werbung anguckt.

Und die Blockchain-Technologie sorgt dafür, dass all dies automatisiert, anonym und fälschungssicher abläuft? 
Richtig. Wir werden auf diese Weise in Zukunft im Internet so etwas wie eine fließende Mikro-Ökonomie haben. Das betrifft noch viele weitere Bereiche. Unser Begriff von E-Commerce könnte sich noch einmal komplett wandeln. Bisher ist er ja recht stark an die Vorstellung von einem Shop mit einem Bezahlsystem dahinter gekoppelt. 

Welche anderen Bereiche könnte das betreffen?
Das alles ist momentan kaum abzuschätzen. Wer hätte zu Beginn des Internets gewusst, wie Facebook heute funktioniert? Aber um noch einige Beispiele zu nennen: Es könnte sein, dass ein Elektroauto schon bald an der Stromtankstelle automatisch bezahlt; Musiker könnten direkt für ihre Werke honoriert werden, ohne eine Plattform wie Spotify dazwischen. Es könnte sogar sein, dass Plattformen wie Amazon oder Ebay an Bedeutung verlieren, einfach weil wir keine großen Plattformen, keine Zwischenhändler mehr brauchen. Sicherlich wird nichts über Nacht passieren. Aber die Technologie hat ein riesiges Innovationspotenzial.

Interview: Alexander Laboda

Das Themen Blockchain und Bitcoin sind extrem komplex. Wer sich hierzu weitergehend informieren möchte, dem empfiehlt Friedemann Brenneis folgende Bücher:

  • Sixt, Elfriede: Bitcoins und andere dezentrale Transaktionssysteme - Blockchains als Basis einer Kryptoökonomie, Gabler Verlag, 2017
  • Popper, Nathaniel: Digital Gold: Bitcoin and the Inside Story of the Misfits and Millionaires Trying to Reinvent Money, Harper, 2015


Der Interviewer empfiehlt außerdem für einen Einstieg ins Thema:

Der Leipziger Journalist und LSoM-Dozent Interview mit LSoM-Dozent Friedemann Brenneis über die Blockchain-Technologie und die Digitalwährung Bitcoin

Der Leipziger Journalist und LSoM-Dozent Friedemann Brenneis spricht im Interview über die Blockchain-Technologie und die Digitalwährung Bitcoin, die deren bekanntestes Anwendungsbeispiel ist. (Foto: F. Brenneis / Symbolbild: istock)

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