Datenjournalismus: Auf die Story kommt es an!

von Samstag, den 24. September 2016

Experten aus vielen Branchen sind sich einig: Im digitalen Zeitalter sind Daten das neue Gold. Auch immer mehr Journalisten schürfen in Datenbanken und Archiven nach wertvollen Zahlenklumpen. Einige herausragende Datengräber erhielten im Juni vom Global Editors Network einen „Data Journalism Award“. Die preisgekrönten Projekte verdeutlichen einmal mehr: Auf die journalistisch relevante Geschichte hinter den Daten kommt es an.

Die „Data Journalism Awards“ (DJA) werden seit 2012 jährlich vom Global Editors Network (GEN) verliehen, einem Zusammenschluss von über 2000 Chefredakteuren, Medienunternehmern und Medienschaffenden aus über 80 Ländern. Die DJA gelten als bedeutendste Auszeichnung im Datenjournalismus. Und sie zeigen die große Bandbreite dieser noch recht jungen Disziplin. Grund genug, sich einige Sieger einmal näher anzuschauen.

Buzzfeed: Spies in the Sky

Der Award-Gewinner in der Kategorie „Daten-Visualisierung des Jahres (große Redaktion)“ beweist kurioserweise, dass es eben nicht auf eine besonders prächtige Optik ankommt. Wer die Seite „Spies in the Sky“ bei Buzzfeed aufruft, sieht dort nämlich zunächst eine recht unscheinbare Landkarte der USA mit vielen farbigen Kreisen, Punkten und Linien. Erst auf den zweiten Blick offenbart sich das Ungeheuerliche dieser Visualisierung. Sie zeigt detailliert, wie FBI und Department of Homeland Security (DHS) das Land systematisch mit Spionageflugzeugen überwachen. Tag für Tag, so die Autoren, kreisen dutzende sehr kleine Flugzeuge in relativ geringer Höhe über US-amerikanischen Großstädten.

Faszinierend ist, dass die Journalisten keinen FBI-Server hacken mussten, um diese brisanten Daten zu erhalten. Die Daten waren öffentlich zugänglich, weil jedes Flugzeug seinen Standort übermitteln muss, um Kollisionen zu verhindern. Diese Flugdaten konnten die Macher online auf Seiten wie Flightradar24 verfolgen.

An Relevanz gewann der Report zusätzlich dadurch, dass die Journalisten ihre Recherche erweiterten. So fanden die Reporter heraus, wie die Kleinst-Flugzeuge ausgestattet sind. Demnach können die Beamten von FBI und DHS mit hochauflösenden Kameras in jeden Straßenzug hineinzoomen. Augmented-Reality-Brillen zeigen in Echtzeit an, wem welches Haus gehört. Einige Flugzeuge verfügen außerdem über eine Technik, mit der sich Handys verfolgen lassen.

Civio: Medicamentalia


Die spanische Non-Profit-Organisation Civio koordinierte ein Projekt mit Journalistenteams aus Spanien, Argentinien, Brasilien, Deutschland und Ghana um das Preisniveau von Medikamenten weltweit zu vergleichen. Das Vorhaben namens Medicamentalia hat einen sehr wichtigen Hintergrund. Denn laut Weltgesundheitsorganisation hat ein Drittel der Weltbevölkerung nur eingeschränkten Zugang zu Medikamenten.  Analysiert wurden die Preise von 14 Medikamenten in 61 Ländern.

Ein zentrales Ergebnis dieser sehr komplexen Recherche: Das Preisniveau von Medikamenten unterscheidet weltweit enorm, selbst bei Generika. Und die Differenz kann keineswegs durch unterschiedliche Lohnniveaus erklärt werden. Oder anders ausgedrückt: Während Menschen in Nigeria oder Kongo für ein Medikament 13 Tageslöhne bezahlen müssen, reicht in Europa schon ein durchschnittlicher Verdienst von ein bis zwei Stunden Arbeit aus.

Das Projekt gewann den Preis in der Kategorie „Investigativer Datenjournalismus (kleine Redaktion)“. Eine Zusammenfassung ist in deutscher Sprache auch bei Correctiv nachzulesen.

Al Jazeera America: Entgleister Zug

Eine datenjournalistische Recherche muss nicht immer Monate dauern und hochkomplex sein. Auch im tagesaktuellen Journalismus können Daten eingesetzt werden, um in aller Kürze das Wesentliche an einem Ereignis darzustellen. Ein gutes Beispiel dafür lieferte im Mai 2016 die US-Amerikanische Ausgabe von Al Jazeera während eines Zugunglücks in Philadelphia.

Die Journalisten verglichen mithilfe von öffentlich zugänglichen Daten des Bahnunternehmens die Geschwindigkeit des entgleisten Zuges mit der von anderen Zügen in den Wochen zuvor. Resultat: In der Kurve, in der das Unglück passierte, fuhr bis zum Tag des Unfalls kein einziger Zug schneller als 55 Meilen pro Stunde. Der entgleiste Zug fuhr hingegen mit einer Geschwindigkeit von mehr als 100 Meilen pro Stunde. Mit einer einzigen Grafik konnten die Journalisten also die Ursache des Crashs für jedermann verständlich illustrieren.

Der Bericht gewann bei den DJA in der Kategorie “Beste Nutzung von Daten bei einer Breaking News Story“.

FiveThirtyEight: Swing the Election

 

Zweifellos bieten gerade politische Wahlen viele datenjournalistische Ansatzpunkte. Das öffentliche Interesse ist ebenso groß wie die verfügbaren Datenberge – und die Zahlen können häufig bis auf die kleinsten Wahlbezirke heruntergebrochen werden. Das Datenprojekt „Swing the Election“ von FivethirtyEight beantwortet jedoch nicht nur die Frage danach, wie genau eine Wahl ausgegangen ist, sondern vielmehr die Frage, wie sie ausgehen könnte, wenn sich nur wenige Parameter verändern.

Der Nutzer kann auf der Seite zwei entscheidende Einflussfaktoren verändern: die Wahlbeteiligung und das Abstimmungsverhalten der verschiedenen ethnischen Gruppen. Was man damit herausfinden kann? Zum Beispiel, dass 2012 die Republikaner gewonnen hätten, wenn der Stimmanteil der Demokraten bei Menschen mit schwarzer Hautfarbe nicht 93 sondern nur 60 Prozent betragen hätte.

Das Projekt, das als beste Nachrichten-App ausgezeichnet wurde, ist zwar verspielt und will unterhalten, aber auch hier ist die Kernaussage nachrichtlich sehr relevant. Immerhin sind die vergangenen US-Wahlen, auch aufgrund des besonderen Wahlsystems, extrem knapp ausgegangen. Die Website verdeutlicht, wie entscheidend die einzelnen Wählerstimmen insbesondere in den sogenannten Swing-States sind.

Relevante journalistische Inhalte statt großer Effekte
Alle Projekte gemeinsam illustrieren, dass es im Datenjournalismus nicht auf opulente Visualisierungen und Effekthascherei ankommt. Daten müssen vielmehr „in den Kontext einer relevanten journalistischen Geschichte“ gesetzt werden, wie es Datenjournalist und Dozent Björn Schwentker im Interview mit der Leipzig School of Media (LSoM) bereits vor etwa einem Jahr formulierte. „Journalismus versucht immer aus der komplexen Welt Informationen zu selektieren, das heißt nach bestimmten Relevanzkriterien eine Vorauswahl zu treffen und zu vereinfachen und zu erklären. Das gilt für Datenjournalismus in besonderem Maße.“

Aktueller Veranstaltungshinweis: Intensivsseminar Datenjournalismus
Diesen Ansatz verfolgt die LSoM weiterhin bei ihren Weiterbildungen zum Thema. Wer diese Art des Datenjournalismus kennenlernen möchte, hat dazu vom 16. bis 18. Oktober 2017 Gelegenheit. Dann findet das nächste Datenjournalismus-Seminar mit Björn Schwentker statt.

Noch bis 18. September können sich Teilnehmer einen Frühbucherrabatt sichern.

Mit dem „Data Journalism Award“ zeichnet das Global Editors Network herausragende datenjournalistische Arbeiten aus. (Bildquelle: Buzzfeed-Screenshot LSoM)

Mit dem „Data Journalism Award“ zeichnet das Global Editors Network herausragende datenjournalistische Arbeiten aus. (Bildquelle: Buzzfeed-Screenshot LSoM)

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