Guter Wissenschaftsjournalismus in seine Bestandteile zerlegt

von Freitag, den 10. März 2017

 Was zeichnet preisgekrönte Texte aus dem Bereich des Wissenschaftsjournalismus aus? Diese Frage steht im Zentrum der Masterarbeit „Storytelling im Wissenschaftsjournalismus“ von Jens Gläser, die ab sofort auf der LSoM-Website zum Download bereitsteht. Absolut gültige Antworten findet der Absolvent des Masterstudiengangs New Media Journalism zwar nicht. Doch seine Arbeit liefert ungewöhnliche und rare Einblicke in den Werkzeugkasten herausragender Autoren.

Zutatenliste für gute Texte

Bei diesen Autoren handelt es sich um Malte Henk, Redakteur bei der „Zeit“, Johanna Romberg, Redakteurin bei „Geo“, und Reto U. Schneider, stellvertretender Redaktionsleiter bei „NZZ Folio“, einem Monatsmagazin der „Neuen Zürcher Zeitung“. Alle drei Journalisten haben gemeinsam, dass sie in den vergangenen Jahren mit dem „Georg-von-Holtzbrinck-Preis für Wissenschaftsjournalismus“ ausgezeichnet wurden. Anhand ihrer Texte suchte Jens Gläser gewissermaßen nach den Ingredienzen eines ausgezeichneten journalistischen Beitrags im Themenfeld Wissenschaft.

Bildhaft beschreiben versus analytisch argumentieren

Gläser orientierte sich bei der Analyse an den Merkmalen des Storytellings beziehungsweise der journalistischen Narration. Akribisch untersuchte er neun Texte der drei Preisträger zum Beispiel in Hinblick auf die dominierende Darstellungsweise. Wie hoch ist der Anteil erzählender Passagen? Überwiegt am Ende doch die analytisch-argumentative Darstellung, wie man es im faktenbasierten Reich der Wissenschaft vielleicht erwarten würde?

Daneben beurteilte Gläser die Texte etwa anhand des Abstraktionsgrades. Hier steht wiederum die äußerst interessante Frage im Raum, wie konkret die Vorgänge beschrieben werden müssen, damit durchschnittlich gebildete Leser komplexe wissenschaftliche Prozesse und Verfahren verstehen. Und wie weit darf bildhafte, vereinfachende Beschreibung gehen, ehe die Fakten verzerrt werden?

Interviews mit den Autoren

Wie die Texte in Hinblick auf diese und weitere Kategorien in der Inhaltsanalyse seziert werden, ist bereits eindrucksvoll. So richtig spannend wird die Untersuchung jedoch dadurch, dass Gläser mit allen drei preisgekrönten Autoren leitfadengestützte Interviews geführt hat. Henk, Romberg und Schneider geben unter anderem Auskunft darüber, wie sie recherchieren, ihre Texte strukturieren und zum Kern einer Geschichte vordringen. Außerdem verraten sie, was aus ihrer Sicht wichtig ist, damit eine gute Geschichte entsteht.

Kein Bauplan zum Nachahmen

Fast selbstverständlich erscheint, dass die Masterarbeit am Ende keinen Bauplan für den perfekten wissenschaftsjournalistischen Artikel liefern kann. Dafür ist das Geschichtenerzählen und das Vermitteln von Wissen dann doch ein zu komplizierter Vorgang. Gott sei Dank, möchte man sagen, wo doch Computer heute schon auf Basis von Algorithmen journalistische Texte automatisiert erstellen. Nichtsdestoweniger bietet die Masterarbeit all jenen eine anregende Lektüre, die wissen möchten, was einen guten Text im Innersten zusammenhält.

LSoM-Absolvent Jens Gläser analysierte in seiner Masterarbeit Texte preisgekrönter Wissenschaftsjournalisten. (Foto: Gläser, Syda Productions / fotolia)

Jens Gläser, LSoM-Absolvent des Studiengangs New Media Journalism, analysierte in seiner Masterarbeit Texte preisgekrönter Wissenschaftsjournalisten. (Bild: Gläser, Syda Productions / fotolia)

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