Verdachtsberichterstattung: Journalisten im Konflikt zwischen Schnelligkeit und Sorgfaltspflicht

von Freitag, den 20. März 2015

Trotz der teils massiven Kritik am Verhalten der deutschen Medien in den Fällen Wulff, Kachelmann und Edathy - die große Mehrheit der Journalisten beachtet hierzulande die presserechtlichen Grenzen der Verdachtsberichterstattung. „Das Wort Lügenpresse würde ich nicht gebrauchen, vor allem weil es eine unangebrachte Pauschalisierung wäre. Die meisten Journalisten arbeiten sorgfältig“, sagte der Rechtsanwalt Carsten Brennecke, dessen Kanzlei Jörg Kachelmann vertritt, am Freitag in der Auftaktdebatte der Fachkonferenz von Netzwerk Recherche (nr) zum Thema Presserecht im Mediencampus Villa Ida.

Nur in Einzelfällen würden presserechtliche Vorgaben verletzt, etwa wenn der Gegenseite keine Chance zur Stellungnahme eingeräumt werde. Im Fall von Jörg Kachelmann habe es beispielweise viel zu wenige Pressenanfragen gegeben. „Wir hätten uns gefreut, wenn man uns häufiger die Chance zur Stellungnahme gegeben hätte“, sagte Brennecke an seinen Kollegen Christian Mensching gerichtet, der mit seiner Kanzlei im Fall von Alt-Bundespräsident Christian Wulff hunderte Fragen von Journalisten beantworten musste und diese später gesammelt veröffentlichte.

Beide Anwälte hielten sich überraschenderweise mit Medienkritik zurück. Christian Mensching richtete lediglich den Appell an die Teilnehmer, die presserechtlichen Bestimmungen zur Verdachtsberichterstattung nicht einseitig als Hürde zu betrachten: „Journalisten sollten die Regeln nicht als Zwangsjacke empfinden, sondern als notwendig für die Einhaltung der Sorgfaltspflicht.“ Über Ermittlungsverfahren darf nur berichtet werden, wenn es um schwerwiegende Verfehlungen geht, ein Mindestmaß an bekannten Beweismitteln vorliegt und die Gegenseite angehört wird. Sind diese Bedingungen erfüllt, muss immer noch zwischen dem öffentlichen Interesse und den Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abgewogen werden.

Leyendecker zu Wulff, Kachelmann und Edathy: „Allen ist Unrecht widerfahren“

Kritik am Verhalten der Medien kam bei den Affären um Wulff, Kachelmann und Edathy hingegen ausgerechnet von Seiten eines Journalisten. „Glorreich habe wir uns in keinem der drei Fälle verhalten. Allen drei Betroffenen ist auf irgendeine Weise Unrecht widerfahren“, sagte der populäre Investigativ-Journalist Hans Leyendecker von der „Süddeutschen Zeitung“. Im Fall Wulff vermisse er im Nachhinein die Selbstkritik der Medien. Am Ende sei es juristisch nur noch um etwas mehr als 700 Euro gegangen. Ein Grund für die mediale Aufgeregtheit sei das erhöhte Tempo, in dem heute berichtet werde. Viele Medien versuchten, irgendwie vorne mit dabei zu sein – auf Kosten der Sorgfalt.

Von diesem Druck berichtete Sarah Tacke vom ZDF aus praktischer Erfahrung. Vom Fall Edathy erfuhr die Redakteurin um 9 Uhr morgens, nachdem die Nienburger Zeitung „Die Harke“ Fotos von der Hausdurchsuchung beim Bundestagsabgeordneten veröffentlicht hatte. Bereits um 11 Uhr stand Tacke für die erste Schalte vor der Kamera. „Da habe ich schon geschwitzt. Mir war klar: Wenn das nicht stimmt, ist das eine Katastrophe für uns alle.“ In der kurzen Frist habe sie die Fakten jedoch ausreichend überprüfen und auch schon erste weitere Informationen selbst recherchieren können. Dass das Presserecht gerade von jüngeren Journalisten, die nur die Bedingungen der digitalen Medienwelt kennen, nicht ausreichend beachtet werde, wies die 32-Jährige zurück: „Gerade unerfahrene Kollegen sind besonders vorsichtig. Vielleicht auch aus dem egoistischen Motiv heraus, nachts gut schlafen zu können.“

Erste Tagung von Netzwerk Recherche in Ostdeutschland


Die Podiumsdiskussion mit der Überschrift „Was darf Verdachtsberichterstattung – und was nicht? Journalisten zwischen Recht und Moral“ bildete den Auftakt der Fachkonferenz. In Ihrer Begrüßungsrede bezeichnete die Vorstandvorsitzende des Netzwerks, Julia Stein, das Presserecht zuvor „als Rückgrat der Arbeit“ von Journalisten. Deshalb sei es wichtig und interessant, sich mit dem Gegenstand auseinanderzusetzen. Zugleich freute sich Stein, dass es nach mehreren Anläufen endlich geglückt sei, eine Tagung in Leipzig zu veranstalten. Es ist die erste nr-Konferenz in einem ostdeutschen Bundesland.

Die Tagung mit rund 100 Teilnehmern und 60 Referenten wird unterstützt durch die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig, die Muttergesellschaft der Leipzig School of Media.

Foto von Rechtsanwalt Carsten Brennecke, ZDF-Journalistin Sarah Tacke, Moderator Kuno Haberbusch, Investigativ-Journalist Hans Leyendecker sowie Rechtsanwalt Christian Mensching.

Die Grenzen der Verdachtsberichterstattung diskutierten am Freitag im Mediencampus Villa Ida (v.l.) Rechtsanwalt Carsten Brennecke, ZDF-Journalistin Sarah Tacke, Moderator Kuno Haberbusch, Investigativ-Journalist Hans Leyendecker sowie Rechtsanwalt Christian Mensching.

Foto zur ersten Tagung des Netzwerk Recherche in Ostdeutschland.

Zu der ersten Tagung des Netzwerk Recherche in Ostdeutschland werden Freitag und Sonnebend rund 100 Teilnehmer und 60 Referenten erwartet.

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