Startseite » Werden wir nun doch nicht alle von der KI ersetzt?

Werden wir nun doch nicht alle von der KI ersetzt?

von | 8.Juni 2026 | Allgemein, Künstliche Intelligenz

Die Kreativbranche ist in Sorge, denn sie sieht ihre Existenz in Gefahr. Synchronsprecher werden durch synthetische Stimmen ersetzt, Visuals werden mit KI erzeugt und selbst Werbe-Jingles werden durch KI komponiert. Laut einer Studie des DIW Berlin — Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e. V. sank beispielsweise die Nachfrage nach Schreibaufträgen um 30 %, weil KI diese Aufgaben schneller und günstiger erledigt.

Fakt ist: Der Markt verändert sich. Wer einfach weitermacht wie bisher, wird zunehmend an Relevanz verlieren und vom Wettbewerb überholt werden.

Die Studie des DIW enthüllt aber auch Positives. Während die Nachfrage nach einfachen, leicht automatisierbaren Tätigkeiten sinkt, steigt der Bedarf an Unterstützung bei komplexeren Tätigkeiten. Diese werden dann auch besser vergütet. Wer sich also gezielt weiterbildet und auf komplexere, KI-gestützte Tätigkeiten spezialisiert, profitiert von den steigenden Budgets. Zudem kann der Einsatz von KI die eigenen Arbeitsergebnisse verbessern und Bearbeitungszeiten verkürzen.

Wir haben mit Christian Steinbrich gesprochen. Als Trainer im Seminar „Vom Kreativen zum KI-Berater“ begleitet er Kreative dabei, sich im Wandel neu aufzustellen. Aus seiner eigenen Arbeit in der digitalen Kommunikation kennt er die Umbrüche nicht nur theoretisch, sondern aus erster Hand. Im folgenden Interview teilt er seine Einschätzungen und zeigt, worauf es für Kreative jetzt ankommt.

Christian, viele Kreative haben aktuell Existenzängste. Wie real ist diese Sorge aus deiner Sicht wirklich?

Kurzfristig berechtigt. Aufträge fallen jetzt weg. Die DIW-Studie belegt minus 30 Prozent bei Schreibaufträgen. Mehr als die Hälfte der Unternehmen, die 2022 noch auf Freelance-Plattformen eingekauft haben, hat das 2025 komplett eingestellt.

Die existenzielle Variante der Angst, alle Kreativen werden ersetzt, halte ich für überzogen. Denn das Werkzeug allein nützt nichts. Stell dir vor, jemand gibt dir einen Zauberstab und sagt: Wünsch dir, was du willst, damit deine Kundenkommunikation besser wird. Wenn du noch nie eine Kampagne konzipiert hast, nie weißt, was einen guten Text vom schlechten unterscheidet, was Bildsprache in einer Zielgruppe auslöst, weißt du schlicht nicht, was du dir wünschen sollst. Du kannst den Stab halten. Sinnvoll einsetzen? Ohne das nötige Wissen nicht.

Ob die Sorge berechtigt ist, hängt davon ab, was jemand macht. Wer einfach ausführt, hat mehr Grund zur Sorge als jemand, der konzipiert, bewertet und steuert. Das Geld, das gerade wegfällt, fehlt trotzdem in den Taschen der Kreativen. Unabhängig davon, wie man die Frage langfristig beantwortet.

Die DIW-Studie zeigt: Einfache Aufgaben verschwinden, komplexe werden wertvoller. Was heißt das konkret für Kreative?

Das Konzipieren, das Entwickeln einer kreativen Vision und einer Lösung für ein konkretes Problem: das fällt nicht weg. Was schneller und günstiger wird, ist die Ausführung. Die Fähigkeit, Ideen zu entwickeln und Ergebnisse gegen ein Ziel zu prüfen, war schon immer zentraler Teil der kreativen Leistung. Jetzt tritt stärker hervor, wie wichtig sie ist.

KI zwingt Kreative dazu, ihre Vision explizit zu machen. Wer seine kreative Absicht bisher nicht in Worte fassen musste, weil er sie selbst umgesetzt hat, steht vor einer neuen Anforderung: Ich muss erklären können, was ich will, bevor ich es sehe. Das lässt sich üben. Und genau das, das trainierte Auge, das Urteilsvermögen, die Fähigkeit zu sagen, das ist gut oder das reicht nicht, das sind Fähigkeiten, die unabhängig davon tragen, welches Tool nächstes Jahr kommt.

Wenn KI schneller, günstiger und teilweise gleich gut liefert — warum sollten Kunden noch Menschen beauftragen?

Die Frage ist: wofür beauftragen?

Für Konzeption, Iteration und die Überwachung von Ergebnissen in jedem Fall. KI ist von der Anlage her keine Schöpferin. Sie rekombiniert, was sie gelernt hat. Wer Modelle auf Material trainiert, das zunehmend selbst von Algorithmen erzeugt wurde, produziert irgendwann gleichförmige Ergebnisse. Das ist kein Verdacht, das ist in der Forschung dokumentiert.

Dazu kommt die Sehnsucht nach etwas Echtem. KI-erzeugte Inhalte werden abgelehnt, wenn sie als solche erkannt werden. Nicht wegen schlechterer Qualität. Weil sich Menschen hintergangen fühlen. Unternehmen, die das offensichtlich betreiben, senden eine Botschaft: Für euch reicht’s. Welches Unternehmen will das vermitteln?

Und dann ist da noch etwas, das gerne übersehen wird. Ein Mensch kann für sein Werk einstehen. Er kann erklären, warum er eine Entscheidung getroffen hat, und sie verteidigen, wenn der Auftraggeber zweifelt. KI produziert. Vertreten kann sie nichts.

Gibt es Fähigkeiten, die in Zukunft besonders gefragt sind und die Kreative jetzt unbedingt aufbauen sollten? Und welche neuen Berufsbilder entstehen gerade durch KI?

Ganz ehrlich? Keine Ahnung. Und wer behauptet, er hätte sie, verwechselt Wahrscheinlichkeitsrechnung mit Fakten. McKinsey, das World Economic Forum, alle großen Namen liefern Szenarien. Keine Gewissheiten. Die Vergangenheit hat uns bei Technologie-Prognosen zu oft eines Besseren belehrt. Fotografie sollte die Malerei töten. Das Metaverse sollte alles verändern, Meta hat seit 2020 mehr als 80 Milliarden Dollar mit Reality Labs verbrannt. NFT-Stratege war ein Job, über den heute niemand mehr redet. Prompt Engineer wurde 2023 mit Jahresgehältern von bis zu 335.000 Dollar angekündigt. Im Juni 2026 ist das Thema erledigt.

Neue Berufsbilder? Dünnes Eis. Die Technologie verändert sich zu schnell für vorschnelle Schlüsse.

Was ich sagen kann: Die Fähigkeiten, die ich in den letzten Antworten beschrieben habe, tragen unabhängig vom nächsten Tool. Urteilsvermögen. Ästhetisches Gespür. Die Fähigkeit, das eigene Konzept klar zu artikulieren. Das sind keine Modeerscheinungen.

Welche typischen Fehler beobachtest du bei Menschen, die anfangen, mit KI zu arbeiten?

Das unkritische Akzeptieren von Ergebnissen. Aus meiner eigenen Arbeit mit Agenten-Systemen und komplexen Content-Workflows weiß ich: Abkürzungen, Halluzinationen und Fehlinterpretationen sind absolut real. Ein Beispiel sind ignorierte Qualitätsvorgaben, die im Agentenprompt platziert sind und dann vom Agenten übergangen werden mit der Begründung, dass ich ja ein schnelleres Ergebnis bekommen sollte. Das Sprachmodell hatte also selbstständig entschieden, dass Geschwindigkeit wichtiger ist als Qualität.

Der zweite große Fehler ist, KI als Wissensspeicher zu behandeln. Die Maschine erfindet Fakten mit vollständiger Überzeugung. Wer das Thema kennt, erkennt es. Wer es nicht kennt, übernimmt es.

Wie verändert KI aus deiner Sicht die Qualität kreativer Arbeit? Wird sie besser, austauschbarer oder beides?

Gute kreative Arbeit ist ein Planungs-, Ideations- und Denkprozess. Christo hatte die Idee, ein Gebäude einzupacken. Das war wichtiger als die Ausführung selbst. Ich habe mal gelesen, dass Kunst das ist, was jemand zum ersten Mal auf eine bestimmte Art tut und damit jemanden berührt. Niemand sagt bei diesem verhüllten Gebäude: Schau mal, wie toll hier das Material um die Ecke gewickelt wurde. Man sagt: Was für eine absolut irre Idee.

Die Ausführung wird austauschbar. Die Idee nicht.

KI hebt den Durchschnitt. Wer sie nutzt, erzeugt bessere Ergebnisse als ohne. Aber alle tendieren zum selben Mittelmaß. Das Niveau steigt. Die Vielfalt sinkt.

Wird menschliche Kreativität und Kompetenz langfristig wichtiger oder eher zur Nebensache?

Auch hier mache ich keine Prognose. Was ich aber sage: Faktisch spricht vieles dafür, dass menschliche Kreativität an Bedeutung gewinnen wird.

Aber ich stelle mir in dem Zusammenhang eine ganz andere Frage. Die Menschen, die zukünftig KI steuern und beurteilen sollen, haben ihr Urteilsvermögen durch Arbeit ohne KI entwickelt. Was passiert, wenn diese Menschen nicht nachwachsen? Wenn die nächste Generation alles mit KI macht, ohne die kreative Grundlage je aufgebaut zu haben?

Kreativität ist in Gefahr, wenn sie kein nachwachsender Rohstoff mehr ist. Sie sollte nicht auf dem Altar der Faulheit geopfert werden.

Was bedeutet das alles für die Preisgestaltung und den Wert kreativer Leistungen?

Meiner Meinung nach nichts. Der Trugschluss ist, Output an aufgewendeter Zeit zu messen. Das war schon immer ein Problem. Zeit hat keinen Preis. Ergebnisse schon.

Das ist letztlich eine Frage der Haltung.

Wenn jemand einem Laien eine Hasselblad-Kamera im Wert von 7.000 Euro auf den Tisch legt, macht er trotzdem schlechtere Bilder als der erfahrene Fotograf. Als Auftraggeber bezahle ich die Erfahrung und die Geschwindigkeit, in der diese Erfahrung zum Ergebnis führt. Welche Werkzeuge dafür eingesetzt wurden, ist zweitrangig.

Ein passender Vergleich: Roboterassistierte Chirurgie ist teurer als konventionelle Eingriffe, durch mehrere Studien belegt und vom Deutschen Ärzteblatt bestätigt. Die Technologie unterstützt die Experten. Sie ersetzt sie nicht, und sie senkt den Preis nicht.

Und ganz persönlich: Was hat sich in deiner eigenen Arbeitsweise durch KI am stärksten verändert?

Schnelligkeit. Ich erledige dieselben Dinge viel schneller als früher und tue Dinge, die ich vorher wegen des Aufwands unterlassen hätte. Ein Konzept in eine Präsentation zu übersetzen, die sich gut vermitteln lässt, hat mich früher Tage gekostet. Heute sind es wenige Stunden. Das Ergebnis stammt immer noch aus meinem Kopf. Ich kann es nur besser rüberbringen.

Ich mache nichts anderes als früher. Immer noch mit denselben kognitiven Werkzeugen und der Erfahrung, die ich mir in den letzten Jahren angeeignet habe. Aber ich mache es schneller.

Dennoch gibt es einen Preis. Wenn man aufgrund der höheren Geschwindigkeit mehr Dinge in kürzerer Zeit erledigen kann, ist der kognitive Overload real. Man arbeitet mit einem Gegenüber, das an Geschwindigkeit unüberbietbar ist. Es iteriert Ergebnisse in einem Tempo, wie es kein Mensch jemals könnte. Diese Erschöpfung am Ende des Tages ist greifbar. Das erfordert mehr Disziplin als zuvor.

Wenn du einen Rat an Kreative geben müsstest, die gerade unsicher sind, welcher wäre das?

Seid euch eurer Qualitäten bewusst. Das bedeutet nicht, dass ihr nicht reagieren müsst. Aber verkauft euch nicht unter Wert, nur weil Menschen, die eure Leistung nicht einschätzen können, weniger dafür zahlen wollen. Indem ihr erklärt, dass KI in den richtigen Händen zum mächtigen Werkzeug wird. In den falschen zu einem Risiko. Eure Hände sind die richtigen.

Auf Kreative kommt eine harte Zeit zu. Sie gilt es zu überbrücken. Ich bin überzeugt, dass der wahre Wert menschlicher Kreativität wieder gesehen werden wird. Es wäre sowohl schade als auch ein echter Verlust, wenn wir sie bis dahin aufgegeben hätten. In der Zwischenzeit sollten Kreative die Fähigkeit zur kreativen Beratung aufbauen oder ausbauen. Damit sie weiterhin Wert schöpfen können, für die, die bereit sind, dafür zu bezahlen.

Wir haben keine andere Wahl als mitzuspielen. Das ist kein Grund zur Resignation. Es ist ein Grund zur Vorbereitung.

 

Vielen Dank für das Interview.

Portrait des Trainers Christian Steinbrich

Christian Steinbrich

Experte und Trainer für Content-Entwicklung, Kommunikation, KI-gestützte Content-Erstellung und Kommunikationsstrategie

 

Sie suchen ein passendes Seminar?

Wir haben verschiedene spannende Seminare rund um das Thema KI in unserem aktuellen Programm. Beispielsweise diese: