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Lesen für alle: Warum barrierefreie Texte mehr Menschen erreichen als gedacht

von | 5.März 2026 | PR & Kommunikation, Texten & Schreiben

Waren Sie schon einmal auf einer Website und haben nicht verstanden, worum es geht? Oder haben Sie schon einmal eine App benutzt, die sich nicht so bedienen ließ, wie Sie es sich wünschten? Genau hier zeigt sich: Digitale Inhalte sind noch lange nicht für alle gleichermaßen zugänglich. Barrierefreies Lesen sorgt dafür, dass Informationen für möglichst viele Menschen nutzbar sind – unabhängig davon, wie sie sehen, hören, lesen oder navigieren.

Wie das in der Praxis funktioniert und warum Organisationen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen davon profitieren, darüber haben wir mit dem Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen) gesprochen. Dr. Julia Dobroschke, Leiterin des BIKOSAX-Teams, und Cathrin Ruppert, Koordinatorin für Inklusives Publizieren, geben Einblicke in die Grundlagen barrierefreier Texte, typische Fehler und erklären, warum verständliche Inhalte auch die Reichweite und Nutzung verbessern können.

Was bedeutet „barrierefreies Lesen“ im digitalen Zeitalter und warum betrifft dieses Thema weit mehr Menschen, als viele zunächst vermuten?

Barrierefreies Lesen bedeutet, das Menschen ganz unabhängig von ihren individuellen Fähigkeiten Inhalte nutzen können. Digitale Inhalte müssen technisch so gestaltet werden, dass sehbehinderte oder blinde Menschen, schwerhörige oder gehörlose Menschen sowie Menschen mit motorischen oder kognitiven Einschränkungen Zugang zu ihnen haben, sei es z.B. akustisch, visuell oder per Untertitelung. Die gesellschaftliche Akzeptanz ist durch Gesetzesgrundlagen für den öffentlichen Bereich, aber auch für den privaten Sektor gewachsen. Die Lobbyarbeit entsprechender Behindertenverbände trägt zusätzlich dazu bei, dass das Thema digitale Barrierefreiheit auf gesellschaftlicher Ebene mehr wahrgenommen wird. Hinzu kommt, dass auch andere Zielgruppen von der Barrierefreiheit digitaler Inhalte profitieren. Dazu gehören auch ältere Menschen, die z.B. auf eine besonders nutzerfreundliche Bedienoberfläche einer App angewiesen sein können.

Was macht das „Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen“ und für wen sind die Services des Bereiches BIKOSAX besonders relevant?

Das Deutsche Zentrum für Barrierefreies Lesen ist eine zentrale Anlaufstelle für barrierefreie Literatur, die hier produziert wird und ausgeliehen oder gekauft werden kann. Ein Bereich sind Dienstleistungen für das Thema digitale Barrierefreiheit, die bei BIKOSAX (Barrierefreie Informations- und Kommunikationsangebote des Freistaates Sachsen) zusammengefasst sind. Hier prüfen wir Webseiten, Dokumente und Apps auf Barrierefreiheit und vermitteln Grundlagenwissen in Schulungen und Beratungen. Diese Angebote sind vor allem für öffentliche Stellen wie Ministerien, Landesämter oder kommunale Einrichtungen relevant, da hier die gesetzliche Verpflichtung zur barrierefreien Erstellung digitaler Inhalte im Internet, Dokumenten und Apps schon viele Jahre gegeben ist. Aber auch der private Sektor hat seit dem letzten Jahr in einigen Bereichen ganz ähnliche Anforderungen zu erfüllen, weshalb wir auch die eine oder andere privatwirtschaftliche Internetseite prüfen.

Was macht einen Text wirklich barrierefrei?

Tatsächlich braucht es dafür gar nicht so viel. Entscheidend sind vor allem drei Dinge: Struktur, Flexibilität und Alternativen.

Struktur bedeutet, dass Texte nicht nur optisch, sondern auch technisch sauber aufgebaut sind. Überschriften sollten also nicht einfach größer und fett sein, sondern als Überschriften ausgezeichnet werden. Bei Word lassen sich dafür z.B. die Formatvorlagen ganz wunderbar nutzen. So erkennen auch Screenreader, dass es sich um eine Überschrift handelt. Gleiches gilt für Absätze, Listen oder Hervorhebungen.

Flexibilität heißt, dass sich ein Text an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen lässt, etwa durch veränderbare Schriftgrößen, gute Kontraste oder Vorlesefunktionen.

Und schließlich braucht es Alternativen: Bilder und Grafiken müssen über Alternativtexte beschrieben werden, damit auch blinde oder sehbehinderte Menschen die Inhalte erfassen können. Werden Videos eingebunden, gehören Untertitel selbstverständlich dazu.

Leichte Sprache und Einfache Sprache – wo liegt der Unterschied?

Die Leichte Sprache folgt einem strengen Regelwerk, um Texte leichter verständlich zu formulieren. Lange Sätze werden in kurze Sätze gegliedert, Fremdwörter werden erklärt und Abbildungen erleichtern das Verständnis, um nur einige Regeln zu nennen. Menschen mit und ohne Lernschwierigkeiten haben diese Regeln entwickelt. Leichte Sprache wird im Behindertengleichstellungsgesetz § 11 als barrierefreie Alternative empfohlen.

Einfache Sprache verfolgt ähnliche Ziele, besitzt aber keine strengen Regeln. Auch die Zielgruppe unterscheidet sich, denn sie kann vor allem Menschen z.B. mit einer Leseschwäche helfen, Texte leichter zu verstehen.

Welche Vorteile ergeben sich für Unternehmen, Organisationen oder öffentliche Stellen, wenn ihre Inhalte für alle zugänglich sind?

Von Barrierefreiheit profitieren mehr Menschen als man zunächst annimmt. Die Zahl der Menschen mit einer Schwerbehinderung, die auf zugängliche Inhalte angewiesen sind, liegt in Deutschland bei ca. 10%. Das ist eine Größe, die im wirtschaftlichen Bereich hohe Relevanz bei der Produktentwicklung hat. Darüber hinaus gibt es Zielgruppen, z.B. ältere Menschen oder Personen mit einer vorübergehenden Einschränkung, für die Barrierefreiheit hilfreich ist. Darüber hinaus wird unterschätzt, dass gut strukturierte und barrierefreie digitale Angebote die Auffindbarkeit im Internet deutlich erhöhen.

Wie reagieren Nutzer auf zugängliche Angebote (– gibt es messbare Effekte auf Reichweite oder Nutzung?)

Ja, es gibt messbare Effekte. Studien zeigen, dass barrierefreie Websites nicht nur für Menschen mit Behinderungen leichter nutzbar sind, sondern auch mehr Engagement und Sichtbarkeit erzeugen: So verzeichnen barrierefrei optimierte Webseiten im Schnitt über 20 % mehr unbezahlte Webseitenbesuche über Suchmaschinen, weil ihre klar strukturierten Inhalte technisch besser verarbeitet und gefunden werden. Andere, experimentelle Studien zeigen, dass Nutzer*innen, und zwar egal ob mit oder ohne Behinderung, länger fokussiert bleiben, wenn Lesbarkeit und Navigation klar sind.

Man kann also sagen: Barrierefreiheit wirkt und das auch über die eigentliche Zielgruppe hinaus.

Welche typischen Fehler begegnen Ihnen bei Texten, die als „verständlich“ gelten sollen?

Ein häufiger Fehler ist, dass Verständlichkeit mit Vereinfachung verwechselt wird. Inhalte werden stark verkürzt, verlieren dabei aber Struktur oder wichtige Informationen. Gerade in Social Media zeigt sich das oft: Texte werden möglichst knappgehalten, bestehen aus langen Emoji-Ketten oder Hashtags. Diese sind aber für Screenreader schwer lesbar oder inhaltlich wenig zugänglich.

Typisch sind auch Fachbegriffe ohne Erklärung oder Abkürzungen, die nur für einen kleinen Kreis verständlich sind. In sozialen Netzwerken kommen zusätzlich fehlende Alternativtexte für Bilder, nicht untertitelte Videos oder der Verzicht auf Absätze hinzu – alles Dinge, die die Nutzung unnötig erschweren.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz beim barrierefreien Schreiben?

Künstliche Intelligenz kann zum Beispiel beim Zusammenfassen von Texten, beim Finden klarer Strukturen oder beim Erstellen erster Entwürfe eine große Hilfe sein.

Aber: Barrierefreiheit ist immer auch eine Frage von Kontext, Zielgruppe und Verantwortung. Künstliche Intelligenz erkennt nicht automatisch, was für eine bestimmte Nutzergruppe wirklich verständlich oder zugänglich ist. Deshalb gilt: KI ist ein Werkzeug, aber kein Ersatz für eine fachliche und menschliche Prüfung.

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem gut aufbereitete Inhalte für Menschen mit besonderen Bedürfnissen einen echten Unterschied gemacht haben?

Wenn eine Seite barrierefrei gestaltet wird, hat sie gleichzeitig eine über-sichtliche Struktur und ein kontrastreiches Layout, was immer zum Verständnis und zur Auffindbarkeit von Inhalten beiträgt. Sobald komplexe Texte wie z.B. Gesetzesentwürfe vermittelt werden sollen, bieten Sprachmodel-le wie die Leichte Sprache auch Erleichterungen für das Textverständnis.

Wenn Sie einen zentralen Rat für die Erstellung zugänglicher, verständlicher und inklusiver Inhalte geben könnten – welcher wäre das?

Für Barrierefreiheit, auch im digitalen Bereich, gibt es seit langem ausführliche Standards und Richtlinien, die beim Aufbau zugänglicher Internetseiten, Dokumente oder Apps grundlegende Regeln vermitteln. Trotzdem ist es aus unserer Sicht unerlässlich, die Zielgruppen in Form von Nutzertests oder Interviews mit in die Entwicklung einzubeziehen. Vor allem in der Konzeptionsphase ist das ein entscheidender Schritt, um später keine teuren Nachbesserungen zu riskieren.

Vielen Dank für das Interview!

Wir nehmen mit: Gute Texte sind zugängliche Texte

Barrierefreie Kommunikation bedeutet letztlich vor allem eines: klar schreiben, strukturiert denken und die Bedürfnisse der Leserinnen und Leser ernst nehmen.
Genau hier setzt auch die Weiterbildung an der Leipzig School of Media an. In unseren Seminaren rund um Text, Redaktion und Content-Erstellung lernen Sie, Inhalte verständlich, zielgruppengerecht und digital wirksam zu gestalten – von journalistischem Schreiben über Content-Marketing bis zur klaren Kommunikation in digitalen Medien.
Denn heute gilt mehr denn je: Gute Texte erreichen Menschen, barrierefreie Texte erreichen alle.

 

Dr. Julia Dobroschke

Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen)

Dr. Julia Dobroschke studierte im Diplomstudiengang Verlagsherstellung an der HTWK Leipzig und koordinierte im Anschluss ab 2009 im Deutschen Zentrum für barrierefreies Lesen ein IT-Projekt. 2012 – 2015 promovierte sie an der Universität Leipzig über Lehrwerke im Universellen Design. Danach arbeitete sie im dzb lesen im Auftragsbereich und leitet seit 2019 das BIKOSAX-Team.

 

Cathrin Ruppert

Deutsches Zentrum für barrierefreies Lesen (dzb lesen)

Nach ihrer Ausbildung zur Buchhändlerin und einem Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig sammelte Cathrin Ruppert Erfahrungen im Online-Handel und in einem Hörbuchverlag. Seit 2025 ist sie beim dzb lesen als Koordinatorin für Inklusives Publizieren tätig und sensibilisiert verschiedene Branchen für die Anforderungen des BFSG.

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